Der FIFA-Präsident im Offside
Bei der Vernissage von «Die Fussball-Mafia», dem neusten Werk des Ebmatinger Autors Thomas Renggli, wurde nicht lange um den heissen Brei gespielt: Auf dem Podium ging es um Macht, Milliarden und Infantinos FIFA.
Es war keine harmlose Buchvernissage mit ein paar netten Anekdoten aus der Fussballwelt. Im Sportzentrum Zürich wurde am Montagabend vor diversen Prominenten (Freddy und Isabella Burger, Sebastian Ramspeck, Hugo Mauchle, Gerard Jenni, Marco Schönbächler, Alex Gantner) über Macht gesprochen. Über Geld und Korruption. Über politische Einflussnahme. Und über eine FIFA, die nach Ansicht der Podiumsteilnehmer längst viel mehr ist als ein Sportverband. Thomas Renggli, früherer Chefredaktor der «Maurmer Post» und Autor von rund 30 Büchern, stellte sein neues Werk «Die Fussball-Mafia» vor – und diskutierte unter der Regie der versierten Moderatorin Sina Albisetti mit Peter Marti, Lars Lunde, Philip J. Müller und Alexander Koch über die Frage, wem der Fussball eigentlich gehört.



«Wie kann man noch mehr Geld verdienen?»
Renggli kam schnell zur Sache. Die Entwicklung des Fussballs bereite ihm Sorgen, weil immer mehr Spiele, Mannschaften und Turniere vor allem eines erzeugten: die Steigerung der Profitgier.
«Heute geht es immer stärker darum: Wie kann man noch mehr Spiele veranstalten? Wie kann man noch mehr Geld verdienen?», sagte Renggli.
Die Aufstockung der Weltmeisterschaft auf 48 Mannschaften und 104 Spiele ist für ihn deshalb mehr als eine sportliche Erweiterung. Mehr Spiele bedeuten mehr Vermarktung, mehr Reisen und mehr Geld. Der Fussball werde dadurch immer stärker zum globalen Unterhaltungsprodukt.
Auch Lars Lunde, ehemaliger Bayern-Spieler und Meister-Stürmer der Young Boys, kritisierte die Entwicklung. Für die Spieler bedeute der aufgeblähte Spielkalender vor allem eines: zusätzliche Belastung. Irgendwann müsse man sich fragen, wie viel Fussball der Fussballer überhaupt noch ertrage.
Der ehemalige FIFA-Mann widerspricht
Besonders interessant wurde die Diskussion mit Alexander Koch. Er kennt die FIFA nicht aus der Distanz, sondern arbeitete selbst beim Weltverband. Koch widersprach Renggli nicht grundsätzlich – warnte aber davor, sämtliche Probleme an der Person Infantino festzumachen. Das Problem liege tiefer, sagte er sinngemäss: in der Struktur der Organisation.
211 Mitgliedsverbände verfügen über Stimmrechte. Ein kleiner Verband kann damit bei zentralen Entscheidungen dasselbe Gewicht haben wie eine grosse Fussballnation. Renggli sieht darin ein grundlegendes Konstruktionsproblem.
Peter Marti, Präsident von United for Ethics in Sport, brachte die andere entscheidende Ebene ins Spiel: Corporate Governance. Eine Organisation mit der wirtschaftlichen und politischen Bedeutung der FIFA brauche «klare Governance-Strukturen».
Wenn Sport, Politik und Geld verschmelzen
Renggli kritisiert insbesondere die Machtkonzentration unter Gianni Infantino. Er beschreibt den FIFA-Präsidenten als jemanden, der es meisterhaft verstehe, politische Beziehungen, wirtschaftliche Interessen und den Sport miteinander zu verbinden.
Genau hier wurde die Diskussion zunehmend unbequem. Denn die FIFA bewegt sich längst in einer Welt, in der Sport, Politik und Wirtschaft kaum noch voneinander zu trennen sind.






Doch Renggli machte auch klar: Es geht ihm nicht darum, den Fussball allein an Infantino festzumachen. «Der Fussball gehört nicht einer einzelnen Person. Und auch nicht der FIFA allein», sagte er.
Das Spiel soll nicht verloren gehen
Genau darin liegt die eigentliche Botschaft des Abends. Renggli will nicht den Fussball abschaffen, sondern ihn vor seinem eigenen Geschäftsmodell bewahren.
Der Fussball gehört den Spielern, den Vereinen, den Fans – und den Kindern, die irgendwo auf einem Platz gegen einen Ball treten, ohne dabei an Fernsehrechte, Sponsorenverträge oder Milliardenumsätze zu denken.
Renggli kennt die FIFA aus eigener Erfahrung. Drei Jahre arbeitete er direkt beim Weltverband und erhielt dabei Einblick in Machtmechanismen und Hinterzimmer.
Genau deshalb dürfte dieses Buch für Fussballfans unbequem werden. Wer nach der Lektüre nur noch wissen will, wer am Sonntag gegen wen spielt, hat möglicherweise das Wesentliche überlesen.
«Die Fussball-Mafia» stellt eine viel unangenehmere Frage: Was bleibt vom Fussball übrig, wenn es irgendwann nur noch ums Geld geht?
Thilo Sigg (Text) und Tatiana Bogdanova (Bilder)
