Parlament statt Gemeindeversammlung?

In Küsnacht fordert eine Einzelinitiative die Abkehr von der klassischen Gemeindeversammlung hin zu einem Gemeindeparlament. Die Argumente für mehr Repräsentation und eine breitere demokratische Abstützung werfen auch für das wachsende Maur interessante Fragen auf.

Küsnacht macht Ernst mit einer Grundsatzdebatte über seine politischen Strukturen: Alt-Kantonsrat Hans-Peter Amrein hat eine Einzelinitiative eingereicht, die verlangt, dass Küsnacht künftig als Parlamentsgemeinde organisiert wird – wie beispielsweise auch die Stadt Zürich (Bild des Gemeinderats oben). Der Küsnachter Gemeinderat soll beauftragt werden, eine entsprechende Revision der Gemeindeordnung auszuarbeiten und der Bevölkerung an der Urne zur Abstimmung vorzulegen.

Kritik an tiefer Stimmbeteiligung

Auslöser für den Vorstoss sind das stetige Wachstum und das beträchtliche Finanzvolumen der Goldküsten-Gemeinde. Küsnacht zählt mittlerweile rund 15’000 Einwohnerinnen und Einwohner sowie etwa 9000 Stimmberechtigte. Dennoch werden weitreichende kommunale Entscheide weiterhin an der Gemeindeversammlung gefällt – einer Versammlungsform, an der erfahrungsgemäss nur ein kleiner Bruchteil der Stimmberechtigten teilnimmt. So besuchten die letzte Küsnachter Gemeindeversammlung im Juni 2026 lediglich 477 Stimmberechtigte.

Initiant Amrein argumentiert, dass wichtige Beschlüsse eine breitere demokratische Abstützung benötigen. Ein direkt vom Volk gewähltes Parlament würde die Repräsentation stärken, komplexe Geschäfte sorgfältiger vorberaten und die Transparenz erhöhen – insbesondere in einer Gemeinde, in der eine einzelne Partei seit Jahren die Mehrheit im Gemeinderat stellt. Das Zürcher Gemeindegesetz stellt den Gemeinden die Wahl zwischen dem Versammlungs- und dem Parlamentsmodell explizit frei.

Ein Thema auch für die Gemeinde Maur?

Auch wenn sich der Küsnachter Vorstoss primär an die dortigen Begebenheiten richtet, besitzt das Thema eine Signalwirkung für die Region. Die Frage, wie viel Gemeindevertretung eine moderne, wachsende Kommunalstruktur braucht, stellt sich früher oder später in vielen Zürcher Gemeinden.

Auch die Gemeinde Maur ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gewachsen und zählt mittlerweile rund 11’000 Einwohnerinnen und Einwohner. Zwar ist Küsnacht finanziell und personell noch eine Spur grösser, doch die Herausforderungen der Gemeindeversammlung bleiben ähnlich: Auch in Maur entscheidet an den Versammlungen oft nur ein vergleichsweise kleiner Prozentsatz der Bevölkerung über richtungsweisende Budgets, Bauprojekte und Reglementsänderungen.

13 Parlamentsgemeinden

Ob ein Gemeindeparlament auch für Maur eine zukunftsfähige Option darstellen könnte, um die politische Beteiligung breiter abzustützen und die Vorberatung komplexer Dossiers zu professionalisieren, ist eine politische Grundsatzfrage. Die Entwicklung und die anstehende Debatte im Nachbardorf Küsnacht dürften deshalb auch in Maur mit grossem Interesse verfolgt werden. Derzeit sind 13 der 160 Zürcher Kommunen politisch als Parlamentsgemeinden organisiert. (tre.)