Maur lässt die Nachrichten reifen
Die Gemeinde Maur geht mit der Nachrichtenverbreitung sehr dosiert um. Eine Gemeinderatsmitteilung vom Montag darf erst am Freitag erscheinen. Zum Glück: So haben die Neuigkeiten genügend Zeit, Patina anzusetzen.
Es gibt Gemeinden, in denen Informationen möglichst rasch verbreitet werden. Und es gibt Maur. Hier geht man mit Nachrichten etwas sorgfältiger um. Sie werden nicht einfach veröffentlicht. Sie werden zuerst gelagert. Vier Tage lang. Unter Verschluss. Damit sie in aller Ruhe reifen können.
Die jüngste Mitteilung aus dem Gemeinderat ist dafür ein schönes Beispiel. Sie datiert vom 21. August, berichtet über eine Sitzung vom 17. August – und trägt eine Sperrfrist bis Freitag, 21. August, 5 Uhr. Vier Tage kommunalpolitische Quarantäne also. Was am Montag beschlossen wurde, darf am Freitagmorgen zur Welt kommen.
Das hat natürlich seinen guten Grund. Schliesslich soll die «Maurmer Post», die am Freitag erscheint, nicht von anderen Medien überholt werden. Die Gemeinde betreibt gewissermassen Artenschutz – allerdings nicht für eine seltene Tierart, sondern für ein Printprodukt. Man könnte auch sagen: Die Neuigkeiten werden zwischengelagert, bis sie Patina angesetzt haben.
Dabei hätte es durchaus einiges zu berichten gegeben. Das gemeindeeigene Begrüssungskomitee soll mit einheitlichen Alphörnern ausgestattet werden. Für die Anschaffung von ergonomischen Liegestühlen auf dem Pausenplatz werden 180’000 Franken bewilligt. Die Robidog-Beutel erhalten ein neues, fluoreszierendes Gemeindelogo. Die Schwanen-Zählkommission am Greifensee bekommt ein eigenes U-Boot. Und irgendwo zwischen der Zertifizierung als «klimaneutrales Schildkröten-Refugium» und der Machbarkeitsstudie für eine Gondelbahn auf den Pfannenstiel finden sich noch ein paar weitere Kreditbeschlüsse.
Achtung Sperrfrist!
Es sind keine Nachrichten, die den Bundesrat in Bern aus dem Schlaf reissen dürften – und so auch nicht im Gemeinderat besprochen wurden. Kein Staatsgeheimnis. Kein kommunaler Watergate-Skandal. Und doch: Sperrfrist!
Man fragt sich unwillkürlich, was passieren würde, wenn die Maurmer Bevölkerung bereits am Dienstag erführe, dass der Gemeinderat einen Kastenwagen durch einen VW-Bus ersetzt. Würde die öffentliche Ordnung zusammenbrechen? Würden die Finanzmärkte reagieren? Müsste der Zivilschutz ausrücken?
Wohl kaum. Aber die «Maurmer Post» könnte beleidigt sein. Und so entsteht ein bemerkenswertes journalistisches Verfahren: Die Medien werden vorinformiert, damit sie informiert sind – dürfen aber nicht informieren. Die Zeitung, die am Freitag erscheint, erhält damit einen exklusiven Vorsprung von mehreren Tagen. Die übrigen Medien dürfen währenddessen schweigen und so tun, als hätten sie von nichts gehört.
Die besondere Definition von Aktualität
Das hat immerhin einen Vorteil: Wenn die Meldungen am Freitag endlich veröffentlicht werden, sind sie garantiert nicht mehr ganz frisch. Vielleicht ist das die neue Definition von Aktualität in Maur: Nicht das, was gerade passiert ist, sondern das, was lange genug geheim gehalten wurde. Und sollte die Gemeinde dereinst wirklich etwas Brisantes beschliessen, darf man gespannt sein. Vielleicht wird die Sperrfrist dann vorsichtshalber um eine Woche verlängert. Damit auch diese Nachricht genügend Zeit zum Reifen hat. (tre.)
