Die digitale Flucht des Präsidenten

Es gibt Traditionen, die muss man einfach pflegen. Das weiss auch der Maurmer Gemeindepräsident Yves Keller. Ob Neujahr oder 1. August: Die höchste Obrigkeit unserer Kommune glänzt physisch verlässlich durch Abwesenheit und lässt lieber die Pixel sprechen.

Während am Nationalfeiertag dieses Jahr wegen Hitze und Trockenheit absolutes Feuer- und Feuerwerksverbot herrschte und selbst die Grillroste kalt bleiben mussten, reichte dem Gemeindevater das bewährte Konserven-Video offenbar nicht mehr aus. Wenn schon die Bürgerinnen und Bürger nicht einmal eine Bratwurst brutzeln dürfen, muss zumindest kommunikativ aufgerüstet werden: Keller griff tief in die Trickkiste der modernen Technik und schickte ein digitales Phantom ins Rennen. Eine «KI-Spielerei», wie er mit feiner rhetorischer Selbstironie ankündigte.

Die Botschaft aus dem virtuellen Exil war denkbar simpel: Man habe da mal was ausprobiert. Nicht alles sei perfekt, manches sogar «irritierend». Eine erstaunlich ehrliche Beschreibung für eine Festrede. Wobei man sich im stillen Maur – wo weder ein Böller krachte noch ein Funke flog – unweigerlich die Frage stellte: Wäre ein festtägliches Schweigen des Gemeindepräsidenten nicht die noch passendere Huldigung an diese freundeidgenössische Ruhe gewesen?

Was folgte, war jedenfalls ein PR-tauglicher Eiertanz auf dem schmalen Grat zwischen helvetischem Fortschrittsglauben und kommunikativem Stillstand. Die Künstliche Intelligenz erfülle uns mit Faszination, lehrte uns der abwesende Keller, doch der Mensch müsse stets im Mittelpunkt stehen. Man nickte leise beim Kauen des vorgekochten Nudelsalats und kalten Cervelats und fragte sich: Hat die KI diesen Satz erfunden, oder war das noch der echte Keller vor dem Kofferpacken?

Dass ausgerechnet im beschaulichen Maur die Zukunft der Digitalisierung am Nationalfeiertag ausgerufen wird, hat eine feine Note von Realsatire. Keller beschwur die Nähe, das Gespräch an der Gemeindeversammlung, das Vereinsleben und das «Miteinander». All jene Werte also, die man in Maur seit jeher am besten pflegt, indem der Gemeindepräsident an Feiertagen gar nicht erst persönlich auftaucht. Demokratie hautnah – aber bitte mit erforderlichem Sicherheitsabstand über den Datenhighway! (tre.)