Maur – sprachlos am Schweizer Geburtstag

Während im Zürcher Oberland am 1. August die Musik spielt, Bundesräte anreisen und Dreitagefeste gefeiert werden, setzt Maur auf kollektives Schweigen. Eine Schadensbilanz zur reinsten freundeidgenössischen Sprachlosigkeit vor unserer Haustür.

Man muss die Dinge beim Namen nennen: Wenn der Schweizer Psalm ertönt und das Land seine Wiedergeburt feiert, ist Maur der Ort, an dem die Stille regiert. Oder besser gesagt: der Magen. Während ringsum im Bezirk die rhetorischen Geschütze aufgefahren und das Hohelied auf das helvetische Freudenfest gesungen werden, beschränkt man sich zwischen Greifensee und Pfannenstiel auf die kulinarische Grundversorgung.

Ein Blick auf das eidgenössische Aufgebot in der Region offenbart das ganze Maurmer Drama: Fehraltorf leistet sich Bundesrat Albert Rösti (und dies schon am 31. Juli), Greifensee und Zell schmücken sich mit Regierungsrätin Natalie Rickli, und in Illnau-Effretikon referiert Nebelspalter-Chef Markus Somm gleich an einem dreitägigen Festmarathon. Fällanden schliesslich macht ein grosses Mysterium aus seinem Überraschungsgast und heizt damit die Spannung zusätzlich an. Kommt etwa Fifa-Boss Gianni Infantino und singt das Hohelied auf Respekt, Demut und Sparsamkeit?

Und Maur? Maur frühstückt. Vollkornbrot statt Vaterlandsliebe, Rösti auf dem Teller statt Rösti auf der Bühne. Auf dem Bergerhof trifft man sich ab 9 Uhr zum gemütlichen Brunch. Offizielle Festansprache? Fehlanzeige. Die kommunale Politik braucht schliesslich auch mal Ferien. Man verzichtet schlichtweg aufs Wort. Es herrscht das Prinzip «Schweigen und Schmausen». Neben dem winzigen Schlatt im Tösstal, das gleich gar nichts auf die Beine stellt, ist Maur praktisch die einzige Gemeinde weit und breit, die am Nationalfeiertag ohne Rede, ohne Prominenz und ohne echten Funken Begeisterung dasteht.

Dabei mangelt es uns Maurmern wahrlich nicht an Vorzeigefiguren! Die Auswahl an Prominenz mit absolutem Lokalbezug wäre riesig – man müsste nur mal das Telefonbuch aufschlagen oder freundlich über den Gartenzaun rufen.

Da wäre zum Beispiel der altEbmatinger Walter Andreas Müller. WAM könnte der Gemeinde die Festrede nicht nur mit stoischer Würde halten, sondern auf Wunsch gleich noch in fünf verschiedenen Dialekten und mit integriertem Kabarettprogramm.

Oder wie wäre es mit Carolina Müller-Möhl? Als Wirtschaftstopshot könnte sie den Maurmern zwischen zwei Zopf-Scheiben kurz und knackig erklären, wie man das Gemeindebudget weiter optimiert.

Auch für die Jugend und das internationale Flair hätten wir jemanden im Dorf: Loco Escrito. Der Wahl-Ebmatinger könnte den Schweizer Nationalfeiertag mit ein paar feurigen Reggaeton-Rhythmen aufpolieren – bei dem herrschenden Böllerverbot wäre ein bisschen lateinamerikanische Hitze ohnehin der beste Ersatz für das ausgefallene Höhenfeuer.

Oder Heinz Spross, der Gärtner der Nation, der in Binz eine grandiose Filiale betreibt. Er könnte uns blumig darlegen, wie man das politische Unkraut im Dorf fachgerecht jätet. Oder Freddy Burger. Der legendäre Unterhaltungsmanager lebte rund vier Jahrzehnte in Ebmatingen – und wartet noch immer auf das Ehrenbürgerrecht. Trotzdem: Gegenüber der Maurmer Zeitung sagt Burger: «Es wäre mir eine Ehre 2027 zu den Maurmerinnen und Maurmern zu sprechen».

Doch für dieses Jahr bleibt guter Rat teuer. Immerhin könnt man als Notlösung noch unseren eigenen Gemeindepräsidenten Yves Keller ans Rednerpult zwangsrekrutieren – auch wenn dieser (Keller) bevorzugt per Videobotschaft zum Stimmvolk spricht.  Ein paar aufmunternde Worte zur Lage der Nation und zum Steuerfuss wären aber auch so im Sinne des kommunalen Zusammengehörigkeitssinn.

Doch Maur schweigt, kaut auf dem Bergerhof stumm vor sich hin und schaut dem Nachbarn beim Schmieren des Butterbrots zu. Das ist zwar gut für die Verdauung, aber gelinde gesagt eine Enttäuschung für das freundeidgenössische Herz.

Nächstes Jahr, liebe Maurmer Behörden, wünschen wir uns zum Zopf wieder etwas Zündstoff. Und wenn es nur eine Rede auf der Parkbank ist. (tre.)