Weshalb wir die Halbierungsinitiative ablehnen sollten
Die Schweiz ist verunsichert, die Behauptungen sind widersprüchlich. Hat die SVP recht? Erhält die SRG zu viel Geld, spart sie zu wenig, ist sie links? Von Roswitha Gassmann.
Die langjährige SRF-Mitarbeiterin Roswitha Gassmann aus Binz zählt Fakten auf.
Sind 1,5 Milliarden wirklich zu viel?
Die SRG produziert Programme in Deutsch, Französisch, Italienisch und Rätoromanisch – und mit Swissinfo zusätzlich in weiteren Sprachen für Auslandschweizerinnen und Auslandschweizer. Wir sind ein kleines, vielfältiges Land. Vielfalt kostet – aber sie gehört zu unserem Selbstverständnis.
Zum Vergleich: ARD und ZDF verfügen gemeinsam über rund 10 Milliarden Euro, der ORF über rund 1 Milliarde. Wichtig: Diese Sender produzieren jeweils nur in einer Sprache.
Wohin fliesst das Geld?
Die Schweiz ist kein zentralistischer Einheitsstaat. Sie lebt von sprachlicher und kultureller Vielfalt. 73 Prozent der Gebühren werden in der Deutschschweiz erhoben, aber nur 44 Prozent bleiben dort. Der Rest fliesst solidarisch in die Romandie (RTS), ins Tessin (RSI) und in die rätoromanische Schweiz (RTR). Das ist gelebter Zusammenhalt. Auf einem freien Markt wären diese Angebote kaum finanzierbar.
Wird die Initiative angenommen, verschwinden Sendungen. Inhalte müssten vermehrt aus dem Ausland eingekauft werden – Inhalte, die sich kaum für Schweizer Themen interessieren. Wollen wir die Berichterstattung über unser eigenes Land wirklich ausdünnen?
«Den Sport kann ich auch anderswo schauen»
Viele Sportarten würden aus dem frei empfangbaren Programm verschwinden. Fussball, Eishockey oder Formel 1? Wahrscheinlich nur noch im Pay-TV. Solche Abos sind teuer – Sport würde zum Luxusgut.
Ob deutschsprachige Sender wie ARD, ZDF oder ORF ihre Programme weiterhin gratis in die Schweiz ausstrahlen würden, wäre zudem fraglich. Heute besteht dazu ein Vertrag mit der SRG. Schweizer Sport hätte für sie kaum Priorität.
Unabhängige Berichterstattung ist wichtiger denn je
Die Schweiz braucht unabhängige Medien. Private Medien sind wichtig – aber sie unterliegen wirtschaftlichen Interessen. Die SRG hingegen ist klaren publizistischen Leitlinien verpflichtet.
Eine Untersuchung der Universität Zürich zeigt zudem, dass die immer wieder behauptete systematische Linkslastigkeit empirisch nicht haltbar ist. Auch das gehört zur Wahrheit.
Die Bedeutung der SRG für die Kultur
Dank dem «Pacte de l’audiovisuel» konnten 2024 Hunderte Musikproduktionen sowie fast 200 Filme, Serien und Dokumentationen realisiert werden. Die SRG ist die wichtigste Investorin in Schweizer Kultur. Eine Halbierung der Gebühren würde diese Förderung massiv treffen.
Wollen wir ernsthaft riskieren, dass Schweizer Film und Musik verstummen – für 100 Franken Ersparnis pro Jahr?
Die SRG vergibt jährlich Aufträge von rund 680 Millionen Franken an Dritte. Das schafft eine Wertschöpfung von über 800 Millionen Franken und sichert Tausende Arbeitsplätze. Schätzungen gehen davon aus, dass bei Annahme der Initiative rund 3’000 Stellen direkt betroffen wären. Eine Analyse von BAK Economics im Auftrag des Bundesamts für Kommunikation prognostiziert sogar, dass insgesamt über 6’000 Arbeitsplätze gefährdet wären – inklusive Zulieferer und mediennahe Branchen.
82 Rappen pro Tag – zu viel für ein umfassendes Programm?
Wird der Gegenvorschlag des Bundesrates angenommen, beträgt die Haushaltsabgabe noch 300 Franken pro Jahr – das sind 82 Rappen pro Tag. Nicht pro Person, sondern pro Haushalt. Ergänzungsleistungsbeziehende sind befreit.
Private Medien erhalten bereits heute einen fixen Anteil dieser Gebühren (sechs Prozent), künftig sollen es acht Prozent sein.
Es ist eine Gewissensfrage
Wollen wir eine vielfältige, eigenständige Medienlandschaft – oder eine ausgedünnte Öffentlichkeit, dominiert von internationalen Konzernen?
Wollen wir eine informierte demokratische Debatte – oder zugespitzte Empörung nach dem Vorbild amerikanischer Polarisierung?
Für 100 Franken im Jahr steht weit mehr auf dem Spiel, als es auf den ersten Blick scheint.
Darum sage ich klar: Halbierungsinitiative – NEIN.
Roswitha Gassmann, Binz, ex-SRF Media Relations, pensioniert.
