Der Biber greift an

Er ist nicht der Weisse Hai – und auch nicht das Ungeheuer von Lochness. Er ist real – und er ist schon da. Der Biber macht sich im Greifenseegebiet breit. Nun beisst er nach schwimmenden Hunden.

Eine schwarze Nase ragt aus dem Wasser, zwei dunkle Augen blitzen neugierig in die Sonne. Und viel braunes Fell macht sich breit. Der Biber schwimmt mit stoischer Gelassenheit die Glatt hinauf – und weckt bei den Kindern auf der Fussgängerbrücke begeisterte Reaktionen: «Jöö, so häärzig.» Auch bei den meisten erwachsenen Menschen weckt das putzige Tier, das bis zu 130 cm gross werden kann, positive Assoziationen. Hört man sich um, geniesst der Biber fast in allen Bevölkerungsschichten grosse Sympathien.

Doch nicht alle freuen sich über das Tier mit den scharfen Zähnen und dem dichten braunen Fell. Die Stauvorrichtungen, die von den Nagern zur Sicherung ihrer Bauten errichtet werden, können den Lauf des Wassers erheblich umleiten. Von überfluteten Feldern ist ebenso die Rede wie von wasserdurchtränkten Gärten. Urs Wegmann, ehemaliger Geschäftsführer der Greifensee-Stiftung und lange Jahre Leiter der Biberfachstelle Kanton Zürich, sagt: «Die Menschen freuen sich über den Biber – bis er ihren Garten unter Wasser setzt.»

Wachsende Population

Und zu solchen Zwischenfällen dürfte es in Zukunft vermehrt kommen. War das Tier im 19. Jahrhundert in der Schweiz ausgerottet, verbreitet es sich nach seiner Wiederansiedlung 1956 kontinuierlich. 2008 war die Population auf 1600 Exemplare angewachsen, beim letzten «Biber-Monitoring» vor drei Jahren wurde sein Bestand auf über 4500 Tiere geschätzt.

Auch im Kanton Zürich ist die Rückkehr des Bibers eine Erfolgsstory. Mittlerweile leben im Kanton rund 500 Tiere auf 140 Reviere verteilt.

Der Biber hat den nördlichen Kantonsteil dicht besiedelt und auch im Süden neue Reviere gegründet. In den nächsten Jahren wird die Population voraussichtlich noch weiter steigen, da insbesondere im Süden des Kantons noch nicht alle potenziellen Reviere besiedelt sind.

Gerade im Frühling und Frühsommer – und dies vor allem in der Morgen- und Abenddämmerung – kann die Begegnung mit dem Tier aber auch schmerzhafte Folgen haben. Bei der Verteidigung seiner Jungen und der Ergründung neuer Reviere geht der Biber ähnlich zielstrebig vor, wie wenn er Bäume fällt und Staudämme errichtet. Beim beliebten Hundeauslauf an der Glatt meldeten schon diverse Besitzer, dass ihre Hunde gebissen worden seien.

«Richtiggehend attackiert»

In dieser Woche schilderte eine Frau im «Blick» eine «schockierende Geschichte». Ihre Hündin Lili sei von einem Biber attackiert worden. Blut floss. Die 30-jährige Hundbesitzerin sprang sofort ins Wasser, um ihre verletzte Hündin zu retten. Lili erlitt eine tiefe Fleischwunde und musste im Tierspital operiert werden, konnte jedoch gerettet werden. Die Hundehalterin sagte dem «Blick»:  «Ich war extrem schockiert über die Aggressivität dieses Bibers. Er hat meine Hündin richtiggehend attackiert, obwohl sie gar nicht in Richtung seines Baus geschwommen war.»

«Wenn der Hund überlebt, hat er Glück»

Ein Wildhüter kommentiert den Zwischenfall nüchtern: «Wenn der Hund überlebt, hat er Glück gehabt.» Oder physikalisch ausgedrückt: Mit seinen Zähnen entwickelt der Biber einen Druck von 100 Kilogramm pro Quadratzentimeter. Auch in der Stadt Zürich, wo sich der Biber beispielsweise an der Sihl in der Allmend Brunau niedergelassen hat, sind verschiedene Konfrontationen mit Hunden protokolliert. In einem Fall habe der Biber mit dem Schwanz auf einen Hund eingeschlagen.

Caroline Nienhuis, Biologin und Leiterin der Biberfachstelle, sagt zur allgemeinen Situation: «Biber sind sehr anpassungsfähig und einfallsreich – und unter den Wildtieren im Kanton Zürich haben sie keine natürlichen Feinde.» Dass sie sich im Greifensee ansiedeln, sei keine Überraschung für sie: «Damit haben wir gerechnet. Jungtiere suchen sich nach zwei Jahren ihr eigenes Revier – und da ist es logisch, wenn sich die Population in der Glatt in Richtung Greifensee ausbreitet.» Als Lebensraum bevorzugt der Biber langsam fliessende oder stehende Gewässer, die im Sommer nicht austrocknen und im Winter eisfrei bleiben. Die Ufer sollten nicht befestigt sein, damit er im Boden einen Bau und Röhren anlegen kann.

Fluch oder Segen?

Aus der Warte des Tier- und Naturschutzes sei der Biber ein Segen. Caroline Nienhuis führt aus: «Mit seinen Bauten schafft er Kleinstrukturen und neue Lebensräume für andere Tiere. Wo er lebt, explodiert die Biodiversität förmlich.»

So darf man sich in der Gemeinde Maur über einen Gast freuen, der gekommen ist, um zu bleiben. Auch wenn er bisher nur selten in eine Fotofalle getappt ist, sind seine Nagespuren im Bereich der Schifflände deutlich sichtbar. Deshalb ein Rat an alle Hundebesitzer für Ausflüge am Seeufer: Nehmen Sie ihren Vierbeiner an die Leine – und lassen sie ihn besser nicht im See schwimmen.